{"id":98,"date":"2017-04-27T10:00:01","date_gmt":"2017-04-27T10:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einkubainba.de\/?p=98"},"modified":"2017-04-27T10:00:01","modified_gmt":"2017-04-27T10:00:01","slug":"unter-dem-mantel-einer-luege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.denis-dominguez.de\/?p=98","title":{"rendered":"Unter dem Mantel einer L\u00fcge&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tFertig mit den Nerven und mit einer Recherche in der Bibliothek, wo ich den ganzen m\u00fchseligen Morgen verbracht habe, entschied ich mich f\u00fcr einen spannenden Spaziergang in der Gegend. Und so, ein St\u00fcck des noch verbliebenen Tages zu genie\u00dfen. Das hatte ich n\u00f6tig, nachdem ich f\u00fcnf B\u00fccher ausgeliehen und durchst\u00f6bert hatte. Auf der Suche nach ein wenig Wissensmaterial um mich f\u00fcr eine am Montag stehende Geschichtspr\u00fcfung in der Uni zu bewaffnen.<\/p>\n<p>Ich verlie\u00df die kolossale Bibliothek voller Lekt\u00fcren, Akten und Schriften und ging die Stra\u00dfe entlang mit einer Tonne von Gedanken \u00fcber Kriege und Anekdoten aus der Vergangenheit. Das Wetter war angenehmen. Die Abwesenheit von Menschen auf der Stra\u00dfe half meinen gew\u00fcnschten Gelassenheitspegel zu erreichen.<\/p>\n<p>Aus der Entfernung sah ich zwei Personen, die sich unterhielten und beschloss in deren Richtung zu gehen. Pl\u00f6tzlich merkte ich, dass einer der beiden ein guter Freund von mir war. Ich eilte, und freute mich auf das Wiedersehen. Fast in seiner N\u00e4he wollte ich mit dem Ritual einer freundlichen Begr\u00fc\u00dfung beginnen:<\/p>\n<p>\u00bbHa, ha. Schau dir diesen Neger an.\u00ab sagte der Ansprechpartner meines Bekannten\u2026 auf English. Seine Worte haben mich geschockt. Er kannte mich nicht, sonst h\u00e4tte er etwas wichtiges gewusst. Am Anfang verstand ich seine Absichten nicht. Aber als ich seine Beleidigungen in der fremden Sprache h\u00f6rte, verstand ich, dass er es nicht anders konnte. Er hatte es nicht anders gelernt. Denn er war ein Rassist. Einer von vielen auf Kuba, die sich unter dem feigen Mantel der \u00bbWir sind alle Br\u00fcder und Schwestern\u00ab und \u00bbIn Kuba haben wir kein Rassismus\u00ab- L\u00fcgen gern verstecken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seinem diskriminierenden Monolog lachte ich leise.<br \/>\n\u00bbUnd jetzt lacht er sogar, als ob dieses schwarze, h\u00e4ssliche Tier uns verstehen w\u00fcrde\u00ab ging er in seinem englischen Jargon fort. Mein Bekannte fing ebenfalls an zu lachen, denn er kannte unser Geheimnis.<br \/>\n\u00bbWhat are you laughin&#8216; at?\u00ab wollte der Fremde unbedingt wissen. Als er merkte, dass seine verletzende Worte das Gegenteil bewirkten. Er ahnte etwas, konnte es aber nicht wissen. Woher denn, er kannte mich nicht und so sollte es auch &#8211; nach seinem Auftritt &#8211; bleiben.<\/p>\n<p>Mein Freund konnte sich nicht mehr zur\u00fcckhalten und beschloss seinen Gespr\u00e4chpartner nicht l\u00e4nger auf die Folter zu spannen.<br \/>\n\u00bbWei\u00df du\u2026\u00ab sagte mein Freund ebenfalls auf Englisch \u00bb\u2026 diese Person, die du beleidigst\u00ab, dann schaute er zu mir \u00bb\u2026 und f\u00fcr ein dummes Tier h\u00e4ltst, kann vier Sprachen. Und zuf\u00e4lligerweise ist eine davon Englisch\u00ab<\/p>\n<p>Der Fremde schaute mich ganz kurz an und sah f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde mein breites L\u00e4cheln. Ich merkte die Angst in seinen Augen. Diese Angst ertappt zu werden, wenn der Mantel einer L\u00fcge vom Leib gerissen wird. Auf einmal entbl\u00f6\u00dft zu sein. Er sagte kein Wort. Keine Entschuldigung. Hielt nicht einmal f\u00fcr n\u00f6tig die Aussage &#8211; die mein Freund ihm gerade aufgetischt hatte &#8211; zu \u00fcberpr\u00fcfen. Kein Abschied. Er ging die Stra\u00dfe hoch. Dieselbe Stra\u00dfe,<br \/>\ndie mich zu meinem Freund gef\u00fchrt hat. Und rannte so schnell er konnte. Als ob er ganz nackt gewesen w\u00e4re, ohne Mantel, ohne Versteck.\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fertig mit den Nerven und mit einer Recherche in der Bibliothek, wo ich den ganzen m\u00fchseligen Morgen verbracht habe, entschied ich mich f\u00fcr einen spannenden Spaziergang in der Gegend. Und so, ein St\u00fcck des noch verbliebenen Tages zu genie\u00dfen. 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