{"id":4269,"date":"2017-05-20T10:00:21","date_gmt":"2017-05-20T10:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einkubainba.de\/?p=1"},"modified":"2017-05-20T10:00:21","modified_gmt":"2017-05-20T10:00:21","slug":"die-macht-der-dankbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.denis-dominguez.de\/?p=4269","title":{"rendered":"Die Macht der Dankbarkeit"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\tFebruar 2006, Freilassing. Der Regionalzug hatte Versp\u00e4tung und ich einen wichtigen Termin in M\u00fcnchen, der zu platzen drohte, wenn der Schnee nicht bald aufh\u00f6rte zu fallen. Eine r\u00e4tselhafte Warnung verlie\u00df den alten Lautsprecher am Gleis und ich starrte die alten Boxen an, als ob die unverst\u00e4ndlichen S\u00e4tze gleich mit Untertiteln ausgestrahlt worden w\u00e4ren.<br \/>\n\u00bb\u2026Vorsicht bei der Einfahrt\u00ab konnte ich am Ende des letzten Satzes gerade noch heraush\u00f6ren. Alle betroffenen Passagiere bereiteten sich vor, die Bahn kam.<\/p>\n<p>Schon im Zug, nahm ich einen Platz in der zweiten Klasse am Fenster, senkte meinen m\u00fcden Kopf an die Scheibe und schaute mir den immer ferner werdenden wei\u00dfen Bahnsteig an: Abgabedatum, Projekte, Unterlagen, Anforderungen, (\u2026). Wie in einem Karussell drehten sich diese Gedanken pausenlos in meinem Kopf. Der ganze Stress und dieser verdammte Termin\u2026 Minuten vergingen. Endlich Ruhe.<\/p>\n<p>\u00bbIhre Papiere, bitte\u2026!\u00ab, h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich.<br \/>\nOh, einen Augenblick nicht aufgepasst. Kurz eingeschlafen? Zwei\u00a0uniformierte Polizisten standen vor mir. Der Mann wiederholte seine\u00a0Aufforderung. Seine Partnerin \u2013 eine sch\u00f6ne, junge, \u00a0blonde Dame \u2013 sagte nichts. Sie blieb ruhig und beobachte mich. Die Polizisten sp\u00fcrten im Nacken die anschuldigenden Blicke der Passagiere, in dem zur H\u00e4lfte besetzten Waggon. Die Gesetzesh\u00fcter waren ohne Zweifel direkt zu mir gekommen. Scheinbar wurde noch keine andere Person kontrolliert. Nur ich.\u00a0Langsam fixierten meine Augen sein\u00a0Gesicht. Dann zog ich sachte aus meiner linken Tasche einen nagelneuen deutschen Ausweis heraus. Er nahm ihn und machte einen Schritt zur\u00fcck zu seiner weiblichen Kollegin.<\/p>\n<p>Jetzt w\u00e4re f\u00fcr mich der g\u00fcnstigste Moment gewesen, um die \u00bb<em>Sie-kontrollieren-mich-nur-weil-ich-ein-Ausl\u00e4nder-bin<\/em>\u00ab Karte zu spielen. Vielleicht lag es daran, dass ich m\u00fcde war oder, dass ich vor ein paar Monaten ein vollst\u00e4ndiges Mitglied dieser Gesellschaft geworden war. Aber mir kam nur ein Wort \u00fcber die Lippen: \u00bbDanke\u00ab.<br \/>\nDer Polizist verstand den Sinn meines Wortes nicht. Seine K\u00f6rpersprache offenbarte seine \u00dcberforderung. Sein Gesicht fand keine\u00a0definitive\u00a0Mimik, um die Unsicherheit\u00a0schnell genug zu verbergen. Erstaunlich, welche Kettenreaktion von\u00a0widerspr\u00fcchlichen Emotionen so ein winziges Wort in einer heiklen Situation\u00a0ausl\u00f6sen kann.<br \/>\n\u00bbWieso danke?\u00ab wollte er unbedingt erfahren ohne mich anzuschauen.<br \/>\n\u00bbStellen Sie sich vor, ich w\u00e4re ein gesuchter Verbrecher. Sie h\u00e4tten mich ertappt. Ich w\u00e4re jetzt verhaftet\u2026\u00ab, erkl\u00e4rte ich.<br \/>\n\u00bbOk\u2026\u00ab sagte er noch verwirrter. Seine Verzweiflung hatte ihn noch im Griff. Scheinbar ist Lob Mangelware in diesem harten Beruf.<br \/>\n\u00bbIm Grunde genommen, \u2026\u00ab, fuhr ich fort \u00bb\u2026 besch\u00fctzen Sie mich auch und daf\u00fcr danke ich Ihnen.\u00ab So beendete ich mein Statement.<br \/>\nEr hob seinen Blick, und grinste zu seiner Kollegin. Schloss meinen Pass und gab ihn mir l\u00e4chelnd zur\u00fcck. Beide verabschiedeten sich h\u00f6flich und w\u00fcnschten mir einen sch\u00f6nen Tag.<\/p>\n<p>\u00bbIhre Papiere, bitte\u2026!\u00ab, h\u00f6rte ich noch einmal weiter hinten im Wagen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter in M\u00fcnchen hatte ich ein erfolgreiches Meeting. Das Projekt war gerettet. Sein Wunsch ging in Erf\u00fcllung: Ich hatte einen sch\u00f6nen Tag in dem herrlichen M\u00fcnchen \u2013 der Hauptstadt Bayerns.\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Februar 2006, Freilassing. Der Regionalzug hatte Versp\u00e4tung und ich einen wichtigen Termin in M\u00fcnchen, der zu platzen drohte, wenn der Schnee nicht bald aufh\u00f6rte zu fallen. 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